Die hibbelige Hilde

Kurz vor Ostern geht es in Bauer Heinrichs Hühnerstall immer ganz schön hektisch zu. Täglich kommt der Osterhase vorbei, um sich einige der frisch gelegten Eier zum Bemalen abzuholen. Zwar unterstützen die Hennen den Osterhasen mit ihren Eiern gerne bei den Vorbereitungen für das Osterfest, dennoch ist die Zeit kurz vor Ostern oft sehr stressig. Auch heute stattet der Osterhase den Bewohnerinnen des Hühnerstalls wieder einen Besuch ab.

„Guten Tag die Damen! Ich hoffe, ihr hattet eine angenehme Nacht?“

Die Hennen gackern wild durcheinander, während sich der geschäftige Hase von einem Nest zum anderen begibt und die Eier einsammelt. Die gefiederten Damen waren wieder einmal sehr fleißig. Schon zwanzig Eier konnte der Osterhase in seinen Korb stecken.

Dann kommt er zu Hildes Nest. Kein Ei. Kein Ei? Das kann ja gar nicht sein, denkt sich der Hase. Er tastet nochmals im Stroh herum, doch ein Ei lässt sich nicht finden.

Da tritt Henriette an ihn heran. Sie ist die älteste Henne im Stall und damit die Vorsteherin der wuseligen Damenrunde.

„Herr Osterhase, es tut mir leid, aber Hilde konnte heute keine Eier legen. Sie ist zu hibbelig.“

„Zu hibbelig?“, fragt der Hase erstaunt. „Was hat unsere gute Hilde denn?“

Henriette schaut vertreten zu Boden. „Wir wissen es nicht. Sie ist draußen auf dem Hof. Vielleicht fragen Sie sie mal, was sie hat.
Schnell sammelt der Osterhase die restlichen Eier ein und verabschiedet sich von seinen fleißigen Hennen. Auf dem Hof vor dem Stall hält er Ausschau nach Hilde. Unter einem Apfelbau erblickt er sie schließlich und geht zu ihr.

„Hilde, geht es dir nicht gut?“ fragt der Hase besorgt.

„Doch, doch… ich bin nur so aufgeregt.“, antwortet Hilde.

„Aber wieso bist du denn aufgeregt? Etwa wegen Ostern?“

„Nein, nicht wegen Ostern. Wegen Henry, dem neuen Hahn vom Nachbarhof.“, erwidert Hilde und schart dabei verlegen auf dem Boden herum.

„Ach Henry! Den habe ich bereits kennengelernt. Ein netter Hahn. Aber wieso bist du denn wegen ihm aufgeregt?“, will der Osterhase schließlich wissen.

Hilde wird etwas rot. „Naja, ich habe mich in ihn verliebt. Aber ich weiß nicht, ob er mich auch mag. Das macht mich ganz hibbelig.“

Der Hase muss lachen. „Ach Hilde, aber Verliebtsein ist doch schön und so eine hübsche und fleißige Henne wie dich kann man nur mögen. Vielleicht sprichst du einfach mal mit Henry.“

Hilde will den Rat des Osterhasen befolgen und nimmt am Nachmittag all ihren Mut zusammen und macht sich auf den Weg zum Nachbarhof.

Am Tor angekommen kann sie Henry mit seinen glänzenden grün-schwarzen Federn schon vom Weiten erblicken. Er ist so schön, viel zu schön für mich einfache Henne, denkt sich Hilde und wird sofort wieder ganz hibbelig. Ohne auch nur ein einziges Wort mit dem Hahn gewechselt zu haben, begibt sich Hilde wieder zurück auf ihren Bauernhof. Zutiefst betrübt verbringt sie den Rest des Tages und die ganze Nacht in ihrem Nest. Ein Ei legt sie dabei natürlich wieder nicht, dafür ist sie viel zu hibbelig.

Als am nächsten Morgen der Osterhase kommt, erzählt Hilde ihm von ihrem misslungenen Versuch mit Henry zu reden. Zwar ist der Hase enttäuscht, dass Hilde schon wieder keine Eier gelegt hat, dennoch hat er Mitleid mit ihr und verspricht ihr, ihr zu helfen. „Kopf hoch, Hilde! Ich lasse mir etwas einfallen, damit du bald nicht mehr traurig und hibbelig wegen Henry bist.“

Am Tag darauf ist Hilde immer noch hibbelig und als der Osterhase den Stall betritt noch mehr, denn sie hat schon wieder kein Ei gelegt. Gerade als sie sich beim Hasen entschuldigen will, überreicht dieser ihr eine Einladung.

Einladung

Ich lade meine fleißigsten Hennen und all meine Helfer herzlich zu einem österlichen Kuchenessen ein. Kommt heute Nachmittag zu mir in mein Haus.

Der Osterhase

Ehe Hilde sich bei dem Hasen für die Einladung bedanken kann, ist dieser auch schon weiter gehoppelt.

Hilde wundert sich zwar etwas, warum nur sie und keine der anderen Hennen aus ihrem Stall eine Einladung bekommen hat, dennoch macht sie sich am Nachmittag fröhlich auf den Weg zum Osterhasen.

Am Haus des Hasen angekommen entdeckt Hilde diesen an einer gedeckten Kaffeetafel im Garten.
„Hallo Herr Osterhase, vielen Dank für die Einladung.“, begrüßt Hilde den Gastgeber freundlich.

„Hallo Hilde, willkommen in meinem Zuhause. Mach es dir doch schon mal bequem. Die anderen Gäste werden auch gleich kommen.“ entgegnet der Osterhase und schenkt der Henne schon mal eine Tasse Tee ein.

Stimmt, es sind noch gar keine anderen Gäste da, denkt sich Hilde. Das war ihr noch gar nicht aufgefallen.

Hilde freut sich, vom Osterhasen eingeladen worden zu sein und ist endlich mal nicht mehr hibbelig. Der Hase hingegen scheint richtig nervös zu sein und blickt ständig auf seine Uhr.

Mit einem Mal springt er auf. „Oh, ich habe ganz vergessen eine der Torten aus der Konditorei abzuholen. Hilde, bist du so lieb und empfängst die restlichen Gäste? Ich bin auch schnell wieder zurück.“

Noch bevor Hilde etwas sagen kann, ist der flinke Hase auch schon auf und davon.

Na super, denkt sich Hilde, hoffentlich kommt der Osterhase schnell zurück.

Die Zeit vergeht und Hilde verliert immer mehr die Lust auf das Kuchenessen beim Osterhasen, denn der ist immer noch unterwegs. Hilde findet das alles seltsam. Sie wird zu einer Feier beim Osterhasen eingeladen, aber keine der anderen Hennen, dann muss der Osterhase ganz plötzlich weg und von den übrigen Gästen fehlt bisher noch jede Spur.

Doch dann betritt plötzlich jemand den Garten. „Hallo, findet hier die Feier des Osterhasen statt?“, fragt eine tiefe, aber angenehme Stimme.

Hilde blickt von ihrer Teetasse auf und traut ihren Augen nicht. Es ist Henry, der da vor ihr steht. Was will der denn hier? Und was soll ich jetzt bloß machen?, fragt sich Hilde und wird schon wieder ganz hibbelig. Einen kurzen Augenblick denkt sie darüber nach, wegzulaufen, doch dann nimmt sie all ihren Mut zusammen und antwortet dem Hahn.

„Ja, das hier ist die Feier vom Osterhasen. Der ist allerdings gerade weg und bisher sind wir wohl die einzigen Gäste.“, sagt Hilde mit zittriger Stimme.

Henry setzt sich neben sie. „Na dann warten wir mal auf den Gastgeber. Ich bin übrigens Henry. Du wohnst auf dem Hof von Bauer Heinrich, richtig? Ich habe dich schon oft gesehen. So eine hübsche Henne fällt einem sofort auf.“, sagt Henry und lächelt Hilde an. Die wird ganz rot, aber hibbelig ist sie jetzt nicht mehr, denn Henry scheint sie zu mögen.

Die beiden unterhalten sich noch eine ganze Weile, bis es schließlich fast schon dunkel wird und auch der Osterhase wieder heimkehrt. Dass dieser aber keine Torte dabei hat und auch keine anderen Gäste mehr gekommen sind, fällt Hilde und Henry gar nicht auf.

Erst als der Osterhase ihnen erzählt, dass es gar keine Feier geben soll und er alles nur geplant hat, damit Hilde und Henry sich kennenlernen, begreifen die beiden langsam alles.

Hand in Hand gehen der Hahn und die Henne nach Hause und Hilde ist fortan kein einziges Mal mehr hibbelig, denn Henry mag sie und sie mag Henry … und ach ja, Eier legt sich natürlich auch wieder.

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