Kleine Auszeit mit Wellengang und Plapperliese

Nach einer arbeitsreichen Zeit haben mein Freund (folgend und auch sonst auf diesen Blog liebevoll M genannt) und ich uns eine kleine Auszeit verdient. Da wir weder viel Urlaub noch Unmengen an Geld für eine tolle Reise ins Ausland übrig haben, beschließen wir, dass Deutschland ja auch viel zu bieten hat und sich z. B. gerade ein Trip an die Nordsee immer lohnt. In unserem Fall sollte es aber besser „Trip IN die Nordsee“ heißen, denn wir ernennen Norderney zum Ziel unseres Wochenendurlaubs.

Ausgerüstet mit Gummistiefeln, Sonnenbrille und einer Vielzahl anderer Klamotten, die wir ganz sicher alle brauchen werden, geht es an einem Donnerstagmorgen auf ins Abenteuer.

Da M und ich den Alltag in der Großstadt bisher gut ohne einen fahrbaren Untersatz bewältigen können und deshalb auch keinen besitzen, soll die Bahn uns unserem Ziel ein großes Stück näher bringen. Anders als erwartet funktioniert dies auch ausgesprochen gut und nach gerade mal vier Stunden steigen wir am Fähranleger aus dem ICE.

Nun heißt es erst mal warten. Das nächste Schiff nach Norderney legt in einer Stunde ab. Zeit genug, um sich als Mensch, dem das Schiffsfahren nicht ganz so geheuer ist, alle möglichen Horrorszenarien auszumalen. Vom sinkenden Bötchen in meinem Kopf geht es dann schließlich auf die doch recht große und zu meiner Erleichterung sehr sicher wirkende Fähre.

Da M um mein Misstrauen gegenüber Transportmitteln zu Wasser Bescheid weiß, versucht er mich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln abzulenken. Und in der Tat gelingt ihm das auch sehr gut, denn ehe ich mich versehe, haben wir schon Dreiviertel der Strecke hinter uns. Ms Ablenkungsmanöver und der ruhigen Nordsee sei Dank, überstehe ich die Überfahrt unbeschadet und streiche noch beim Anlegen der Fähre alle Monsterwellen und kenternden Schiffe aus meinen Gedanken.

Zwei Tage Erholung auf der beschaulichen Insel liegen nun vor uns. Und, ob man es glaubt oder nicht, schaffen wir es tatsächlich nahezu alles, was einen Urlaub am Meer ausmacht, in der kurzen Zeit unterzubringen … und das ganz entspannt. Lange Strandspaziergänge, ein (ungewolltes) Bad im Meer (M hat seine Gummistiefel auf Herz und Nieren getestet), ein ausgedehntes Abendessen im Restaurant, ein kleines Sonnenbad am Strand und die obligatorischen Postkarten an die Daheimgebliebenen können wir von unserer imaginären Urlaubs-Aktivitäten-Liste streichen.

Aber obwohl wir an dem Wochenende viel von der wirklich sehr schönen Insel gesehen haben und uns endlich mal wieder richtig entspannt und erholt fühlen, fällt der Abschied am Sonntagmorgen schwer. Ein weiterer Tag wäre doch noch ganz schön gewesen, aber ehe wir uns versehen, sitzen wir im Bus Richtung Fähranleger.

Wie erwartet sind wir nicht die Einzigen, die heute die Rückreise zum Festland antreten wollen. Nach und nach füllt sich der Linienbus mit Urlaubern und deren Gepäck. Es ist bereits nahezu kuschelig voll im Bus, als sich eine fünfköpfige Familie samt Koffer zu uns gesellt. Da ich viel für Familien und Kinder übrig habe, stört es mich nicht, dass sich der älteste Sprössling der Familie, ein blondhaariges Mädchen mit knallpinker Brille, an jedem Passagier mit sehr eingeschränktem Feingefühl vorbeidrängt, um in den hinteren Teil des Busses zu gelangen. Auch ihr durchweg lautes Geplapper nehme ich nur am Rande zur Kenntnis und harke es getreu dem Motto „Ist halt ein Kind“ ab. Im Gedränge am Fährhafen verlieren M und ich die junge Familie schließlich aus den Augen und damit auch aus dem Sinn. Letzteres liegt bei mir vor allem daran, dass sich pünktlich beim ersten Schritt auf die Fähre wieder das flaue Gefühl im Magen meldet und das Kopfkino startet. Und während ich noch versuche die Szenen schwankender Schiffe vor meinem inneren Auge wegzudrängen und gleichzeitig einzuchecken, beginnt unter mir auch schon das Wellenballett der Nordsee. Wir haben noch nicht mal volle Fahrt aufgenommen, da wird mir und meinem Magen unschön in Erinnerung gerufen, woher die hin- und herpendelnden Fahrgeschäfte in den Freizeitparks ihren Namen Schiffsschaukel haben. Während der Fahrt ist der Großteil unserer Mitreisenden damit beschäftigt mit den Nasen an den Scheiben oder gar auf dem Aussichtsdeck Norderney dabei zuzusehen, wie es immer kleiner wird und letztlich am Horizont verschwindet. Ich kann mich dafür irgendwie nicht begeistern und suche stattdessen das innere der Fähre mit den Augen nach Toiletten ab … für den äußersten Notfall eben. Kurz vorm Festland lässt der böse Südwest-Wind, dem ich hauptsächlich die Schuld an der ungemütlichen Überfahrt gebe, nach und mit ihm auch die Wellen. Das flaue Gefühl in meinem Magen und die hässlichen Szenen in meinem Kopf wollen sich Wind und Wellen noch nicht so ganz anschließen, was ich jedoch zu verdrängen versuche. Die Schlacht ums Ergattern des eigenen Koffers ist mir dabei eine große Hilfe. M und ich gewinnen die Schlacht und stellen uns mit unserem Gepäck im Schlepptau typisch deutsch, zehn Minuten vor der geplanten Ankunftszeit, in der Schlange vorm Ausgang an. Je näher wir der Anlegestelle kommen, desto besser geht es mir. Das Leben scheint mich wieder zu haben. Ich bin nicht mehr länger Sklave meiner grausamen Gedanken und meines rebellierenden Magens und nehme sogar meine Umwelt wieder war. Das sollte jedoch nicht unbedingt von Vorteil sein, wie sich schnell herausstellt. Denn obwohl ich mit dem einem Ohr M versuche zuzuhören und mit dem anderen der Geräuschkulisse des anlegenden Schiffes samt Geschnatter der Insassen lausche, vernehme ich eine bekannte Stimme. Ein rascher Blick um mich herum bringt schnell die Gewissheit: Sie ist wieder da … die kleine blonde Quasselstrippe aus dem Bus. Zusammen mit ihrem Vater steht sie unweit von uns entfernt ebenfalls in der Schlange und scheint nicht nur ihren alten Herren, sondern das ganze Boot unterhalten zu wollen. Wie man am besten und schnellsten von der Fähre herunterkommt, weiß die Kleine anscheinend ganz genau und gibt ihrem Vater daher unentwegt Ratschläge oder besser gesagt Befehle. Dass er den Koffer noch nicht aus den übrig gebliebenen Gepäckstücken geborgen hat, darf Papa sich ebenfalls minütlich anhören. Schnell wird mir klar, mit „Ist halt ein Kind“ hat das nicht mehr viel zu tun. Als die Fähre angelegt hat und sich die Schlange im Bauch des Schiffes beginnt Richtung Ausgang zu bewegeben, hoffen M und ich inständig, die kleine Plapperliese nicht mehr wiederzusehen.

Erneut heißt es, eine Stunde Zeit zwischen Fähre und Zug totzuschlagen. Mit Kaffee und Heißer Schokolade machen wir es uns in der Wartehalle des Hafens bequem und versinken mit unseren Gedanken irgendwo zwischen Sandstrand und To-do-Liste für den nächsten Tag. Jemand schafft es jedoch, uns in Null-Komma-Nichts wieder in die Realität zurückzukatapultieren … die Plapperliese. Das war wohl nichts mit „die sehen wir nie wieder“. Als würde sie uns verfolgen, sitzt sie uns mit ihrem Vater direkt gegenüber und quasselt in einer Tour … natürlich.

Zwar dauert es noch, bis der Zug kommt, aber M und ich beschließen aus gegebenem Anlass, schon jetzt die Wartehalle zu verlassen und uns zum Bahnsteig zu begeben. Als der ICE einrollt wiegen wir uns in Sicherheit … endlich weg von der Plapperliese. Die Koffer verstaut machen wir es uns auf unseren reservierten Plätzen bequem. Noch einmal stellt sich das entspannte Gefühl der Erholung ein, das uns die letzten Tage beschert haben. Die vier Stunden Zugfahrt bekommen wir jetzt auch noch herum denken wir uns … bis … ja, bis die Plapperliese den Wagon betritt. Ich werfe alle Horrorszenarien von sinkenden Schiffen und Riesenwellen über Board. Mein persönliches Horrorszenarium findet gerade statt, genau hier in diesem Moment, in diesem Zug. Ungewollt sagen M und ich der Entspannung und Erholung lebe wohl. Wie sollen wir eine Zugfahrt mit dem quasselnden Kind überstehen? Einzige Hoffnung: Sie steigt vor uns aus. Todesmutig wagt sich M zu den Sitzen von Vater und Tochter. Bitte, lass sie vorher aussteigen!, Bitte, lass sie nicht in Köln aussteigen. Ein Blick auf die Reservierungs-Anzeige offenbart schmerzlich die volle Bandbreite des Grauens … Ausstieg in Köln. Der Zug setzt sich in Gang und mit ihm vier Stunden mit der Plapperliese.

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